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Kooperation und Vertrauen – Interview mit Jörg Thums zur Kaleidoskop- Eröffnung 2019

Am 5. September wird zum 24. mal Kaleidoskop eröffnet, eine Kinder- und Jugendtheaterreihe in ländlichen Raum, die laPROF ausrichtet. Sie findet jährlich von September bis Dezember in zahlreichen Orten in ganz Hessen statt; 2019 sind es 40 Auftritte von acht Theaterproduktionen in 13 Orten. Dabei sehen durchschnittlich 100 junge Zuschauer*innen je Aufführung zu, das sind pro Jahr etwa 4.000 Personen. Organisatorisch wird die Reihe von einer Projektleitung umgesetzt, in der sich Gerd Krüger, Anke Müller, Birgit Peulings die Verantwortung teilen. Seitens laPROF betreut Jörg Thums das Projekt, er ist Mitglied der Jury von Kaleidoskop und im Verbandsvorstand als laPROFregional zuständig für das Thema ländliche Räume.

[laPROF] Überall wird gerade darüber diskutiert, wie Kultur im und für den ländlichen Raum funktioniert. Kaleidoskop – ein Projekt für Theaterangebote im ländlichen Raum – gibt es schon seit 24 Jahren. Wodurch zeichnen sich diese Theatertage aus?

[Jörg Thums]: Mit den Kaleidoskop – Kinder- und Jugendtheatertagen wurde bereits vor 24 Jahren eine Unternehmung gestartet, die heute beispielhaft Antworten auf aktuell diskutierte Fragen geben kann: Die Bespielung von ländlichen Räumen mit Theater und anderen Formen der Darstellende Künste. Diese Anspruch ist heute sehr aktuell und Kaleidoskop hat in der hessischen Kulturlandschaft schon seit vielen Jahren ein Alleinstellungsmerkmal, denn was heute diskutiert wird, findet bei Kaleidoskop schon lange statt. Was den Aspekt Zeit angeht, dieses Projekt ist mittlerweile generationenübergreifend, weil nun bereits frühere Theatergänger*innen mit ihren Kindern zu heutigen Theateraufführungen der Spielreihe kommen können.

[laPROF] Wie lässt sich das Geheimnis des langanhaltenden Erfolges von Kaleidoskop erklären?

[Jörg Thums]: Sicherlich gehören zum Gelingen eines Vorhabens mehrere Bestandteile – oder Zutaten, wie man es im Vergleich mit einem gelungenen Kochrezept benennen würde. Klar, dazu zählt Alles in Allem auch die Struktur der Kinder- und Jugendtheatertage. Der ländliche Raum gibt ein dezentrales Format vor, aus dem sich auch die längere Dauer ergibt, eben ein Reihen-Charakter. Außerdem baut unser Konzept auf der Idee langjähriger Kooperation auf. Sprich, der Verstetigungsgedanke und die vertrauensvolle Kooperation zwischen der Projektleitung und den Vertreter*innen der jeweiligen Spielorte ist es, was den Erfolg von Kaleidoskop letztlich ausmacht. Unterstützt wird die Leitung hierbei durch eine Jury, die die Auswahl der Stücke erarbeitet.

[laPROF] Wie werden die Kinder- und Jugendtheatertage finanziert?

[Jörg Thums]: Von Anbeginn – also seit 1996 – werden die Kinder- und Jugendtheatertage maßgeblich durch die finanzielle Unterstützung durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst getragen. Seit einigen Jahren erreicht uns auch immer wieder Unterstützung durch das Nationale Performance Netzwerk, das sich explizit an der Realisierung von Gastspielen aus anderen Bundesländern finanziell beteiligt. Und auch wir als Landesverband der Freien Darstellenden Künste bringen uns organisatorisch und mit Zuschüssen mit ein. All diese Komponenten helfen, um die finanziell schlecht aufgestellten Kommunen hier zu entlasten. Aber wir merken, wie eng die Spielräume bei vielen Kommunen sind. Die Projektleitung tut hier was sie kann, aber auch hier gelingt es nicht jedes Problem in den Griff bekommen.

[laPROF] Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den lokalen Veranstalter*innen?

[Jörg Thums]: Ganz generell möchte ich die Zusammenarbeit mit den lokalen Veranstalter*innen als partnerschaftliche Kooperation beschreiben. Hier bestehen zum einen langjährige Beziehungen. Aber natürlich entstehen immer wieder neue Kontakte, da sich grundsätzlich alle Akteure aus den ländlichen Regionen als Partner und Spielorte bewerben können.

[laPROF] Wie wählt Kaleidoskop seine jährlich wechselnden Stücke aus?

[Jörg Thums]: Die jeweiligen Produktionen werden von einer dreiköpfigen Fachjury ausgewählt, welche die eingereichten Stücke im Zeitraum September bis Januar sichtet. Anfang Februar kommen wir dann zur Auswahl der Jury zusammen. Wir achten immer darauf, dass jedes Jurymitglied ihre/seine eigene Perspektive mit einbringt und die getroffene Stückauswahl auch mit dem erarbeiteten Kriterienkatalog übereinstimmt. Klar, ein Hauptkonsens ist immer schnell gefunden, dann aber zu schauen, dass wir wirklich sechs bis acht Produktionen auswählen, die sich über die verschieden Altersstrukturen verteilen, ist am Ende immer nochmal Detailarbeit.

[laPROF] 2019 sind acht Produktionen ausgewählt. Was erwartet die Zuschauer*innen genau?

[Jörg Thums]: Wie jedes Jahr erwartet die Zuschauer*innen eine Stückauswahl bei der es um Alles geht: Aufbruch, Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen, Freundschaft, Konkurrenz, Vertrauen, Lüge, Ehrlichkeit, Armut und Reichtum u.v.m. Beginnen werden die Kinder- und Jugendtheatertage am 5. September in Schotten – einer Partnergemeinde, die seit 2008 Teil des Netzwerks ist – und zum Auftakt Das platte Kaninchen der Gruppe Theater zwischen den Dörfern zu Gast hat. Was die weiteren 7 Stücke und 12 Gastspielorte der Saison 2019/20 betrifft, möchte ich Dich und die Leser*innen bitten einen kurzen Blick auf die Projektwebsite (Verlinkung: wwww. kaleidoskop-hessen.de) zu haben. Hier finden Ihr sowohl Auflistungen der Orte und Stücke, wie auch kurze Statements der Jury zu den ausgewählten Stücken.

[laPROF] Kaleidoskop ist ein gelungenes Beispiel von Kunst für den ländlichen Raum. Was kann perspektivisch für dieses Projekt getan werden?

[Jörg Thums]: Wir wünschen uns mehr Unterstützung aus den Entscheider*innen-Gremien. Das betrifft sowohl die hessische Landespolitik, die sich zu höheren Ausgaben für Kunst und Kulturelle Bildung verpflichten sollte, um dementsprechende Veränderungen im Landeshaushalt vorzunehmen. Aber das betrifft auch die politisch handelnden Akteure in den ländlichen Regionen. Trotz angespannter Kommunalkassen sollte auch hier der Einsatz für kulturelles und künstlerisches Engagement nicht hinten anstehen. Sei es durch die Bereitstellung von Geldern oder das Einfordern von Unterstützung von Außen.

[laPROF] Wenn man die Debatte um Kunst in ländlichen Raume betrachtet, was könnten Andere von Kaleidoskop lernen?

[Jörg Thums]: Es gibt vielfältige Aspekte, die berücksichtigend werden sollten und für die Kaleidoskop beispielhaft ist. Ein wesentlicher Aspekt ist: Kooperation und Vertrauen! Wie ich ja bereits angedeutet habe, für eine kontinuierliche partnerschaftliche Zusammenarbeit muss eine Vertrauensbasis aufgebaut werden. Das braucht Zeit und Geduld.

[laPROF] Im nächsten Jahr wird Kaleidoskop 25. Was können wir uns in den nächsten Jahren von Kaleidoskop erwarten?

[Jörg Thums]: Das Grundkonzept der Kinder- und Jugendtheatertage hat sich bewährt. Schließlich ist die Gastspielreihe nun ja schon erwachsen. Natürlich denken wir aber weiterhin über neue Formate nach, die wir zukünftig erproben können. Denn, bei Kaleidoskop geht es ja auch immer darum Seherlebnisse zu schaffen. Weshalb der Titel der Veranstaltungsreihe auch gut gewählt wurde. Kaleidoskop heißt ja in seiner Übersetzung: schöne Formen sehen.

Und ja, wir werden 2020 die Kinder- und Jugendtheatertage feiern. Man darf gespannt sein!

Mehr zu Kaleidoskop findet man hier.

Foto: die exen: Hühner, Lutz Edelhoff 2017.

Autor

Jan Deck ist Politikwissenschaftler, lebt in Frankfurt/Main und arbeitet als freier Dramaturg, Regisseur und Kurator. Seit über zehn Jahren arbeitet er für den hessischen Landesverband laPROF, seine Schwerpunkte sind Lobbyarbeit, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Veranstaltungen. Er ist Mitglied verschiedener Juries und Beiräte, kuratiert Tagungen, Festivals und Labore. Als Herausgeber und Autor beschäftigt er sich mit verschiedenen Aspekten von Kunst und Gesellschaft.