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KulturKnotenPunkt auf dem Land – Das theater 3 hasen oben

Nach 10 Jahren in verschiedenen Häusern und Ensembles der freien Szene gründeten Silvia Pahl und Klaus Wilmanns 1998 das theater 3 hasen oben mit Sitz in Immichenhain in Nordhessen. Mit ihren Inszenierungen touren sie bundesweit und international, erhielten Preise und Auszeichnungen, und nahmen an an internationalen Festivals teil. Zuhause im ländlichen Raum hatte man es jedoch lange schwer, vielleicht, weil Pahl und Wilmanns künstlerische Grenzen ausloten, zwischen Genres changieren und sich gängigen Vorstellungen von Kinder- und Jugendtheater entziehen. Aber vielleicht auch, weil sie sich in ihrem Selbstverständnis gegen ein heute vorherrschendes, auf Optimierung und Nutzbarkeit ausgerichtetes Menschenbild richten. Nun wurde das Theater mit 93.700 Euro gefördert, um für drei Jahre einen KulturKnotenPunkt zu bilden. Was es damit auf sich hat, erklären die Theatermacher*innen im Interview.

Vor 20 Jahren habt ihr die „3 hasen oben“ gegründet und seid in den ländlichen Raum gezogen. Dabei war es zu dieser Zeit alles andere als „en vogue“. Was hat Euch dazu bewogen?

Nach ein paar Jahren am Theater Nordhausen in Thüringen haben wir entschieden, in die freie Theaterszene zurückzukehren, weil die freie Arbeitsweise uns eher entspricht. Uns war klar, dass wir wieder viel auf Tour sein werden und so war es naheliegend, sich ein Zuhause im Zentrum von Deutschland zu suchen, anstatt zurück nach Bremen oder Berlin zu gehen.

Letztendlich waren es die räumlichen Möglichkeiten (viel Wohnraum und große Nebengebäude) unseres Hauses in Immichenhain, die uns dazu bewogen, nach Nordhessen zu ziehen. Auch vor 20 Jahren war es schon so, dass die Immobilienpreise in der Provinz den limitierten wirtschaftlichen Möglichkeiten eines freien Theaters sehr entgegenkamen.

Ihr seid lange Zeit mit Euren Produktionen in der ganzen Welt herumgereist. Wie war es, dann aufs Land zurückzukommen?

Entspannend und erhellend. Unser Zuhause kommt uns manchmal wie ein privates Sanatorium vor. Klaus regeneriert buchstäblich beim Unkraut jäten. Für mich ist ein gewisses Maß Rückzug und Ruhe nötig, um Kraft zu haben. Allein sein, manchmal auch Einsamkeit, die weh tut, hilft mir die Welt zu sehen. Als etwas Schönes und Wertvolles, nicht nur anstrengend oder feindlich. Ich habe hier gelernt, meine Kampfzone auch mal zu verlassen. Hingabe ist ein großes Wort, aber ich würde ich es so nennen.

Erhellend war der Wechsel zurück in die Pampa, weil ich mich oft so fühlte, als ob ich „die gültige Welt“ verlasse und sie hier nur noch aus der Distanz betrachte. Ich hatte auf Grund meiner Lebenssituation zwischen den Welten bereits vor mehr als 10 Jahren das Gefühl, dass wir den Fehler machen, nur noch urbane Lebensweisen als Option zu sehen, dass unser Blick immer eingeschränkter wurde. Also keine Erweiterung der Lebensoptionen, sondern im Gegenteil ein Verlust an Vielfalt.

Ihr habt vor Ort vieles ausprobiert, wie lange hat es gedauert, bis ihr in Immichenhain wirklich angekommen seid?

Das kommt darauf an, wie man „angekommen sein“ definiert. Ich würde sagen, wir werden nie so dazugehören, wie „Eingeborene“. Wir sind und bleiben Zwitter. In unseren zwei Jahrzehnten in der Schwalm haben sich die Menschen und wir gegenseitig aufeinander zu bewegt, wir haben uns aneinander gerieben und viele konstruktive Erfahrungen miteinander gemacht. Es gab verschiedene Phasen von größerer Nähe oder mehr Distanz. Dieser Prozess wird sich fortsetzen. Angekommen sind wir auch auf eine gewisse Weise. Wir bezeichnen uns heute mit größerer Selbstverständlichkeit als das Theater der Region. Wenn Menschen vor Ort, insbesondere Politiker, bis heute keine Notiz von uns nehmen, sehen wir das mittlerweile als deren Versäumnis an, nicht mehr als das Unsrige.

Zu unserem Weltverständnis gehört, dass im Grunde alle Menschen ein gewisses Maß an Fremdsein in sich tragen. Wir Menschen fühlen uns nicht selten fremd in unseren eigenen Familien, in Liebesbeziehungen oder in Nachbarschaften. Darum ist diese Fremdheit nicht schlimm, sondern im Gegenteil, eine Qualität mit der wir arbeiten. Wir haben uns hier unserer Fremdheit ganz explizit ausgesetzt. Das war an früheren Wohnorten nie so extrem, da gab es immer auch viel Verbindendes. Hier gab es keinen Anknüpfungspunkt, scheinbar.

Also Fremdheit als Programm?

Kunst lebt ja davon. Erfahrungen von Fremdheit, unbehaust sein, ausgeschlossen sein sind ein Urstoff von Kunst. Weil wir uns verloren fühlen werden wir kreativ. Und in einer Performance oder einer Inszenierung verhandeln wir Künstler*innen diese Seite unseres Menschseins – die Sinnfragen – stellvertretend für die Gemeinschaft. Hierin liegt unsere Chance als Künstler, auch in scheinbar fremden Lebenszusammenhängen Anknüpfungspunkte zu finden. Über die universellen und großen Fragen, die uns letztlich alle bewegen. Und für diese Funktion, die wir hier in der Schwalm übernommen haben, ernten wir viel Zuspruch, Anerkennung und Unterstützung. Wir formulieren Sinn-Fragen und, als selber hier Lebende, haben dabei die Perspektive der Menschen vor Ort im Blick. Mehr nicht.

Das theater 3 hasen oben beim Auftritt in Immichenhain. Foto: Heide Englisch

Was funktioniert auf dem Land anders? Was habt ihr gelernt?

Zum Beispiel Verabredungen: sie sind verbindlicher, auch über einen längeren Zeitraum. In der Stadt hieß es oft, „ja, machen wir – lass uns aber kurz vorher nochmal telefonieren“. Vorratshaltung: eine kluge Bevorratung ist wegen langer Wege unerlässlich. Dadurch entsteht auch eine gewisse Genügsamkeit. Soziale Kontrolle ist spürbarer, als in der Stadt, weil viele Menschen einander kennen. So entsteht das Gefühl, das eigene Verhalten, vor allem wenn es auffällt, rechtfertigen zu müssen. Gleichzeitig bedeutet das einander kennen und sich in der Gegend auskennen eine gewisse Übersichtlichkeit und Geborgenheit.

Musstet ihr auch Klischees überwinden?

Klischees sind ja die Verengung auf einen Aspekt, sie treffen vielleicht zu, aber eben genauso auch ihr Gegenteil. Nein, auf dem Land sind nicht alle Menschen bodenständig. Nein, es ist nicht überall schön, idyllisch und ruhig. Manche Ecken sind furchtbar hässlich und manche Nachbarn vorwiegend laut. Nein, tiefgreifende Gedanken und gute Gespräche finden nicht nur in urbanen Zusammenhängen statt. Ein schönes Beispiel dafür, mit welchen Klischees wir bedacht werden und dass diese auch überwunden werden können, haben wir bei unserem 20-jährigen Jubiläum erlebt. Der Film „Schminke is’ alle“ hatte Premiere. Die Filmdokumentation begleitet unser Theater ein paar Tage bei den Vorbereitungen und auf einer Tournee. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Dorfbewohner regelrecht schockiert darüber waren, wie hart und eben bodenständig unser Tourneealltag ist. Ausrufe, wie: „Ich nehm’ alles zurück“ oder „Die haben gar keine Starallüren, die sind sich ja für nichts zu schade“ waren bezeichnend.

Haben Euch die Kommune und der Kreis unterstützt und gefördert?

Nein, es gibt weder auf kommunaler noch auf der Ebene des Kreises einen Etat für professionelle Künste. Die wenigen Gelder, die von den Kommunen bereitgestellt werden, fließen nahezu vollständig in den Nordhessischen Kultursommer. Da wir in einer der kleinsten hessischen Gemeinden leben, gibt es auf kommunaler Ebene wahrscheinlich auch kaum Spielräume. Auf Kreisebene aber scheint diese Lücke eher mit politischem Unwillen zusammen zu hängen. Unterstützung gab es und gibt es immer wieder durch das Engagement von einzelnen einflussreichen Personen oder von Personenkreisen. Es werden Beziehungen zu Veranstaltern hergestellt werden oder unsere Arbeit wird hervorgehoben, gelobt, empfohlen. Diese ideelle Unterstützung ist wertvoll. Auf lokaler oder regionaler Ebene gibt es minimale finanzielle Unterstützung zum Beispiel durch private Stiftungen oder die Stiftungen der Sparkassen. Ganz wesentlich für unsere Arbeit ist, dass wir durch das europäische Regionalentwicklungsprogramm LEADER Förderung für verschiedene Projekte erhalten.

Lange war es verpönt im ländlichen Raum zu arbeiten. Mittlerweile gibt es, auch in Hessen, viele Förderprogramme und Projekte. Auch die Politik hat das Thema für sich geweckt. Was ist in den letzten Jahren passiert?

Nicht zuletzt auf unser permanentes Drängen hin, hat sich ein verändertes Bewusstsein für Kunst und Kultur auf dem Lande entwickelt. Aber das ist nur ein ganz kleiner Baustein. Zu diesem Umdenken führte ein Bündel von Problemen: der demografische Wandel, Strukturprobleme wie Wohnungsnot in den Städten und zunehmender Leerstand in Dörfern. Auch der Fachkräftemangel in allen Handwerken, auf Grund der immer stärker werdenden Fokussierung auf akademische Ausbildungen. Viele Menschen entscheiden sich nur aus beruflichen Gründen für ein Leben in der Stadt. Schwierige Lebensumstände in Stadt und Land haben viele Wähler*innen zu Protest- oder Nichtwählern gemacht. Vermutlich hat auch die Angst vor dem Zorn der Wähler*innen einen Einfluss darauf, dass die ländliche Region in den Blick gerückt ist.

Schon lange denkt ihr über ein Produktionszentrum im ländlichen Raum nach. Wie könnte so etwas funktionieren?

Wir haben in den letzten 20 Jahren eine Vielzahl von kreativen Menschen kennengelernt, mit denen wir bereits kooperieren oder uns eine Kooperation wünschen. Das Land bietet (räumlich und personell) ein großes Potential an Möglichkeiten, die genutzt oder umgenutzt werden können. Gemeinsam zu gestalten, zu produzieren und Kräfte zu bündeln ist eine Möglichkeit, Lebensqualität vor Ort zu verbessern. Dazu wollen wir den KulturKnotenPunkt nutzen. Wir denken auch an Kolaboration mit verschiedenen Künstler*innen aus der Republik, die ihre Erfahrungen in Form von Weiterbildungen oder Mitwirkung in Teilen des Projektes einbringen. Auf längere Sicht wäre es schön, mal ein Festival, eine Werkschau oder ein Arbeitstreffen mit interessanten zeitgenössischen Inszenierungen und Performances in der Schwalm zu veranstalten. Eine Plattform, die dokumentiert, dass allerorten Strukturprobleme bestehen und einen Einblick in die künstlerische Resonanz auf diese Art Herausforderungen gibt. Bliebe auszuloten, ob es dafür ein Publikum gibt.

Ist Euer KulturKnotenPunkt ein erster Schritt dazu?

Nein, es ist mindestens schon der dritte Schritt. 2013 veranstalteten „die Grünen“ mit Angela Dorn ihren Wahlkampfauftakt in der Schwalm, bei dem sie auch Station im „theater 3 hasen oben“ machten. Von Freunden, die diese Veranstaltung organisierten, wurden wir um einen Vortrag über unsere Arbeit gebeten. Auch eine Vision für unser Theater in der Region war gefragt. Damals wurden bereits erste Ideen entwickelt, wie wir vorgehen könnten, um ein Produktionszentrum – oder künstlerisches Forschungszentrum zu verwirklichen.

Auf der Grundlage dieses Vortrages entwickelte ich die Konzeption des Langzeitprojektes „Expedition vor der Haustür“. Im diesem Rahmen haben bereits 6 Projekte stattgefunden: 3 Flux-Residenzen, 2 LEADER Workshops und auch das Stadt-Land-Projekt „Tafelfreuden“ anlässlich des 10-jährigen Jubiläums von laPROF. Eine unserer „Expeditionen“ wurde mit dem Hessischen Demografie-Preis 2016 ausgezeichnet. So wurde erstmals der Blick aus Wiesbaden auf unser kleines Theater in der Provinz gelenkt.

Ein Projekt für unsere ganze Region verwirklichten wir im Rahmen des Kulturkoffers Hessen mit unserem „Kultur-Anstifter-Mobil“ in den Jahren 2017/18. In diesen beiden Jahren waren wir teilweise mehrfach in über 20 Orten präsent. Die Ausdehnung auf unsere Region hat uns neue Türen geöffnet und unser Theater einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein gerückt. Seither erhalten wir spürbar mehr Kooperations- und Gastspielanfragen aus der Schwalm und der näheren nordhessischen Umgebung.

Kinder beim KUKO-KAMobil des theater 3 hasen oben. Foto: Sabine Imhof

Ihr werdet dafür 3 Jahre lang vom Bund gefördert. Was wird genau passieren?

Die eben beschriebenen Projekte, Gastspiele und Vorträge, also unsere bisherige Arbeit, war die Voraussetzung für die 3-Jahres-Förderung des Bundes. Wir haben die 3 Jahre konzeptionell in 3 Phasen gegliedert. Im ersten Jahr wollen wir in einem Leerstand in der Kreisstadt Homberg eine Art Informationszentrum einrichten. Hier sollen Vorträge und Info-Veranstaltungen über kulturpolitische Themen, Kulturförderung und Ähnliches angeboten werden. Auch Praxis-Workshops und Kulturveranstaltungen sind geplant. Die kontinuierliche Arbeit in unserem KulturKnotenPunkt nutzen wir, um einen Pool von kreativen Gruppen aber auch anderen Gruppen (z.B. Landwirte, Handwerker*innen, Schüler) aus der Schwalm ins Gespräch miteinander zu bringen. Im zweiten und dritten Jahr planen wir mit diesen Gruppen eine regionale Inszenierung zu entwickeln.

Unser aktueller inhaltlicher Diskussionsstand: uns interessiert der Begriff „Nahrung“. Im konkreten, wie im übertragenen Sinne. Traditionell hatten ländliche Regionen die Funktion, die Gesellschaft mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Durch Strukturwandel in der Landwirtschaft sind aber immer weniger auf dem Land lebende Menschen im Agrarbereich beschäftigt. Uns interessiert ein Austausch über „Lebensmittel“ im weitesten Sinne. Jene zum Essen und jene, die eher geistiger oder sozialer Natur sind. Wir denken darüber nach, obige Fragen anhand Grimmscher Märchenmotive zu untersuchen – aber dies ist nur eine Option unter vielen. Da wir uns in einen offenen Prozess mit den potentiellen Mitwirkenden begeben, sehen wir uns unsere Fragen als Impulse.

Haben sich schon viele Initiativen und Bürger gemeldet?

Ja, es gibt schon erste Vorgespräche, Auslotung von Zusammenarbeit und verschiedene konkrete Ideen für Veranstaltungen. Besonders gefreut hat uns, dass sich auf unseren Aufruf in der Presse umgehend und erstmals ein Vertreter des Kreises bei uns gemeldet hat, die Idee einer regionalen Inszenierung lobte und uns die Mitwirkung des Landkreises anbot. Der Kreis der Interessierten reicht von der Politik über Schulen oder Initiativen bis hin zu Privatpersonen.

Was würdet ihr Kolleg*innen raten, die im ländlichen Raum arbeiten wollen?

Hilfreich ist eine unwissende, fragende und interessierte Haltung und Humor. Das beginnt damit, sich über eigene Bilder und Halbwissen bewusst zu werden, das man bisher über „das Land“ oder die Landleute hat. Diese Bilder existieren auch in Menschen, die selber aus der Provinz kommen. Vielleicht sind sie bei diesem Personenkreis sogar expliziter, festgefügter. Das ist wichtig, weil es „das Land“ nicht gibt. Schon der Charakter und die Zusammensetzung der verschiedenen Dörfer und Kleinstädte in unserer Region sind sehr unterschiedlich. Die verschiedenen „Szenen“ innerhalb der Ortschaften sind es ebenso.

Unserer Meinung nach gilt für jede Inszenierung und jedes Kunstprojekt: wenn dich selbst die Frage, die du bearbeitest, nicht brennend interessiert, dann lass es. Darüber hinaus ist es ratsam, auch mit Enttäuschungen umgehen zu können. Nicht alles, was uns am Herzen liegt und was wir selber für künstlerisch, politisch oder lebenspraktisch relevant halten, stößt auf Gegenliebe. Manche Leidenschaft teilen wir weiterhin mit Menschen in, von Immichenhain aus gesehen, entlegenen Gegenden.

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Foto: Lesung in Loshausen. Fotograf: Steffen Dittmar

Autor

Jan Deck ist Politikwissenschaftler, lebt in Frankfurt/Main und arbeitet als freier Dramaturg, Regisseur und Kurator. Seit über zehn Jahren arbeitet er für den hessischen Landesverband laPROF, seine Schwerpunkte sind Lobbyarbeit, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Veranstaltungen. Er ist Mitglied verschiedener Juries und Beiräte, kuratiert Tagungen, Festivals und Labore. Als Herausgeber und Autor beschäftigt er sich mit verschiedenen Aspekten von Kunst und Gesellschaft.