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Unter Auflagen: Hessens Theater dürfen überraschend öffnen

Bei den letzten Pressekonferenzen zu den Lockerungen der Corona-Maßnahmen wurden die Theater nicht einmal erwähnt. Plötzlich ist auch in Hessen eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs möglich. Kurz nachdem die Stadt Frankfurt u.a. die Schließung des Künstlerhaus Mousonturms bis Ende August angewiesen hatte, erklärte Ministerpräsident Volker Bouffier überraschend, dass ab dem 9. Mai auch Theater bei Einhaltung von Vorschriften wieder öffnen können.

Die wichtigsten Regeln bei der Wiederöffnung sind: Veranstaltungen bis 100 Personen sind grundsätzlich möglich, wenn die Abstandsregeln und Personenanzahl-Beschränkungen eingehalten werden. Diese beinhalten einen Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen Personen, ausgenommen zwischen Angehörigen eines Hausstandes. Pro eingelassener Person müssen mit Sitzplätzen 5qm, mit Stehplätzen 10qm zur Verfügung stehen.  Zudem dürfen keine Gegenstände zwischen Personen, die nicht einem gemeinsamen Hausstand angehören, entgegengenommen und weitergereicht werden. Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen sind bei Einhaltung der Abstandsregeln möglich, benötigen aber eine Sondergenehmigung. Zudem muss eine Anwesenheitsliste der Zuschauer*innen geführt werden, geeignete Hygienekonzepte müssen entsprechend den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts zur Hygiene entwickelt werden, eine Steuerung des Zutritts und der Vermeidung von Warteschlangen muss umgesetzt und Aushänge zu den erforderlichen Abstands-und Hygienemaßnahmen müssen gut sichtbar angebracht werden. Die Verantwortung dafür liegt bei den Veranstaltern. Im Wortlauf findet man die Regeln hier.

Die plötzliche Öffnungsmöglichkeit trifft die Theater mitten in einer Phase, in der bereits intern über Maßnahmen zur Wiederöffnung diskutiert wird. laPROF ist in Frankfurt mit der Theaterallianz und ID_Frankfurt bereits dabei, ein Konzept für die Öffnung der Theater ab September zu erstellen. Es ist kaum realistisch, dass trotz der derzeitigen Möglichkeiten Theater vor diesem Datum wieder öffnen können. Für viele kleine Theater sind die gegebenen Regeln zudem kaum umsetzbar, durch die vorgeschriebene Quadratmeterzahl pro Zuschauer kann dort nicht genug Publikum für einen wirtschaftlichen Betrieb eingelassen werden. Es ist beispielsweise die Frage, ob die Abstandsregeln durch das verpflichtende Tragen von geeigneten Masken die Abstandsregeln gelockert werden könnten. Manche Theater fühlen sich nicht wohl damit, persönliche Daten oder den Haushaltsstand von Besuchern zu ermitteln. Zudem besteht die Frage: Trauen sich überhaupt bereits Zuschauer*innen in geschlossene Theaterräume? Auch weitere Fragen wie z.B. der Haftung bleiben offen, sodaß mit einer schnellen Öffnung von Theaterorten kaum zu rechnen ist. Ob und wie Sommertheater-Veranstaltungen stattfinden werden wird derzeit ebenfalls diskutiert.

Die Regeln zur Wiedereröffnung machen zudem klar, dass mit einem wirtschaftlichen Betrieb der Theater und damit der regulären Möglichkeit des Einkommenserwerbs von Kulturschaffenden vorerst nicht zu rechnen ist. Umso wichtiger ist, dass das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst für kommenden Montag die Verkündung eigener Hilfsmaßnahmen angekündigt hat. Die Auswirkungen der Corona-Krise werden für viele im Kulturbereich Tätigen eine reguläre und vollumfängliche Form der Erwerbstätigkeit nicht vor 2021 ermöglichen.

Die VGB hat zudem ihre Empfehlungen für Arbeitsschutzstandards in der Corona-Situation für Bühnen und Studios für den Bereich Probenbetrieb aktualisiert. Das Dokument kann hier gelesen werden.

Foto: “Abstand halten” von Kaveh Hosseini, Landungsbrücken Frankfurt

 

 

 

 

 

 

Autor

Jan Deck ist Politikwissenschaftler, lebt in Frankfurt/Main und arbeitet als freier Dramaturg, Regisseur und Kurator. Seit über zehn Jahren arbeitet er für den hessischen Landesverband laPROF, seine Schwerpunkte sind Lobbyarbeit, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Veranstaltungen. Er ist Mitglied verschiedener Juries und Beiräte, kuratiert Tagungen, Festivals und Labore. Als Herausgeber und Autor beschäftigt er sich mit verschiedenen Aspekten von Kunst und Gesellschaft.