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laPROF Umfrage über freie darstellende Künste in Hessen: Zwei Drittel der Verluste bleiben trotz Hilfsprogrammen

I. Einnahmeausfälle: laPROF- Umfrage im März 2020

laPROF hat schon früh auf die existenziellen Schwierigkeiten für die Kulturszene aufgrund der Corona-Pandemie und den mit ihr einhergehenden Arbeitsverboten hingewiesen. Mittlerweile ist in der Kulturszene Konsens, dass die Soforthilfe von Bund und Ländern unzureichend war, da Einnahmeausfälle, beispielsweise aufgrund ausgefallener oder abgesagter Veranstaltungen und Aufträge, nicht als Fördergrund akzeptiert wurden. Die überwiegende Zahl der freien Kulturschaffenden aller Sparten können aufgrund ihrer prekären Arbeitsverhältnisse keine Rücklagen erwirtschaften. Ihre berufliche und private Existenz ist bedroht, weil sie unverschuldet in eine Notlage gekommen sind. Das vermeintlich unbürokratische und vereinfachte ALG II war und ist dafür keine Lösung.

Schon bevor Hilfsmaßnahmen verkündet wurden hat laPROF Mitte März in einer Umfrage die möglichen Einnahmeausfälle erfragt. 247 Fragebögen wurden uns zugesendet, was ein nahezu vollständiges Bild unserer Szene sein dürfte. Die beteiligten Ensembles, Einzelkünstler*innen und Spielstätten gaben an, bei einem Lockdown bis zum Sommer einen Verlust von etwa 3,8 Millionen durch verlorene Zuschauereinnahmen, Gastspielhonorare, künstlerische und andere kunstbezogene Einnahmen zu erleiden. Etwaige Verluste durch verlorene öffentliche Förderung sind nicht eingerechnet.

II. Corona-Hilfen – neue Umfrage von laPROF im August 2020

Seit März 2020 ist viel passiert, Bund, Länder und Kommunen, aber auch Stiftungen und private Initiativen haben Geld gesammelt und zur Verfügung gestellt, um freien Kulturschaffenden zu helfen. In einer erneuten Umfrage, die wir im Juli/ August 2020 gestartet haben, wollten wir herausfinden, wie viele dieser Gelder bei den hessischen freien Darstellenden Künsten tatsächlich angekommen sind. Wieder haben wir die Kolleg*innen befragt, welche sich an der ersten Befragung beteiligt hatten und wieder kamen viele Antworten: 211 haben trotz Sommerferien auf unsere Umfrage reagiert, mit mehr als 85 Prozent in Bezug auf die erste Umfrage eine ähnliche Basis. Ausgewählte Ergebnisse wollen wir hier erstmals veröffentlichen:

1. Corona-Soforthilfe Bund und Länder

Befragte freie Darstellende Künstler*innen aus Hessen

Beantragt

Nicht beantragt

Beantragt in EUR

Erhalten in EUR

Soloselbstständige

48,02%

51,89%

405.636,-

373.984,-

Theatergruppen, Ensembles, Kollektive

19,30%

80,70%

150.969,30

94569,3

Spielstätten

24,50%

75,60%

101.280,-

61.280,-

Gesamtförderung

   

657.885,30

529.833,30

An den hier gezeigten Zahlen kann man sehen, dass bei den Soloselbstständigen etwa die Hälfte Anträge gestellt haben, bei Gruppen und Spielstätten nur wenige. Von denjenigen, die keine Gelder beantragt haben oder die Förderung abgelehnt wurde, antworteten fast alle als Begründung, dass sie kaum Betriebskosten hätten und Einnahmeausfälle nicht berücksichtigt worden seien. Einige verfügten auch noch über Rücklagen. Einige gehen davon aus, dass sie von den erhaltenen Mitteln einen Teil zurückzahlen müssen. Insgesamt kann man zwar konstatieren, dass für einen Teil der Szene die Corona-Soforthilfe Unterstützung geboten hat, allerdings ging sie nach unseren Zahlen an einem großen Teil der freien Darstellenden Künste in Hessen vorbei.

2. ALG II – Corona-Grundsicherung

Wir haben die Kolleg*innen auch über ihre Erfahrungen mit der Beantragung des angeblich unbürokratischen und erleichterten Zugang zu ALG II im Kontext der Corona-Grundsicherung befragt. Von den Soloselbstständigen, die unsere Umfrage beantwortet haben, haben nur 21,6 Prozent aufgrund der Krise ALG II beantragt. Nur die Hälfte dieser Antragsteller*innen hat ALG II bewilligt bekommen. Davon warteten 32,5 % weniger als 2 Wochen, 35 % bis zu 4 Wochen, 17,5 % bis zu 2 Monate und 14,5 % bis zu 3 Monate oder länger auf ihr Geld.

Die Antworten der Kolleg*innen zeigen auch, dass die Beantragung in vielen Fällen nicht unbürokratisch war, die Jobcenter schlecht informiert oder nicht willig, den von Bund und Ländern vereinbarten Erleichterungen zu folgen. 60 % der Kolleg*innen mussten ständig neue Dokumente nachreichen, 35 % mussten das Formular selbst im Internet suchen, bei 12,5 % wussten Jobcenter nichts von den Erleichterungen. 30 % wurden regelwidrig nachträgliche Prüfungen angedroht, 10 % sogar „zumutbare“ Arbeit. Nur bei 35 % verlief alles einfach und unbürokratisch. Einige Kolleg*innen haben nach ersten Beratungsgesprächen auf Anträge verzichtet oder sie zurückgezogen.

3. Hessische Corona- Förderprogramme

Das Arbeitstipendium/ Phase II des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst wurde weitestgehend in Anspruch genommen. 71 % der befragten Soloselbstständigen haben es beantragt, davon 87,4 % erhalten. Als Grund dafür, das Stipendium nicht zu beantragen oder zu erhalten, dominiert mit 44,6 % eine nicht vorhandene Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse. Glücklicherweise hat die Landesregierung hier mittlerweile umgesteuert, die KSK ist nicht mehr Voraussetzung. Unter anderem ist für viele Schauspieler*innen und Tänzer*innen, aber auch für Kulturschaffende mit Nebenjobs oder Künstler*innen, die das Renteneintrittsalter bereits überschritten haben, eine KSK- Mitgliedschaft nicht möglich. 64,3 Prozent der Befragten planen, das Projektstipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst zu beantragen. Und 35 % der Spielstätten wollen Gelder aus dem Förderprogramm „Innovativ neu eröffnen“ beantragen.

Weniger erfolgreich war unsere Szene bei der Beantragung anderer hessischer Förderprogramme. Die Vereinsförderung haben nur 6,3 % der Gruppen und 9.8 % der Theaterhäuser beantragt, ohne etwas zu bekommen. Ähnlich beim Rettungsschirm für Festival: 2,4 % der Gruppen sowie 2,5 % der Spielstätten haben sich beworben, jedoch leider erfolglos. Bleibt zu hoffen, dass die freien Darstellenden Künstler*innen bei den gerade angelaufenen Förderprogrammen mehr Erfolg haben.

4. Weitere Förderprogramme und Initiativen

Glücklicherweise sind seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie eine ganze Menge weitere öffentliche und private Förderprogramme entstanden, in dem viele Initiativen Gelder gesammelt haben, Stiftungen, Verbände oder Fonds auf allen Ebenen Förderprogramme aufgelegt haben. Die von uns befragten freien Darstellenden Künstler*innen aus Hessen haben dabei insgesamt 467.265,-Euro erhalten, ein enormer Betrag im Vergleich zu den öffentlichen Förderprogrammen.

5. Zusammenfassung der Umfragedaten

Hilfen befragte freie Darst. Künste Hessen

In Euro

Soforthilfe Bund und Länder

529.833,30

Arbeitsstipendien

222.000,-

Weitere Förderprogramme und Initiativen

(z.B. take care Fonds, Kulturzeiter*in Frankfurt, Kulturspende Kassel, Crowdfunding etc.)

467.265,-

Gesamtsumme Hilfen

1.219.098,30

Verluste freie Darst. Künste Hessen laut Umfrage März 2020

3.770.231,50

Verbleibender Verlust / Einnahmeausfälle

2.551.133,20

Wenn man die, bei den Befragten angekommenen Hilfeleistungen aus Bund, Ländern und anderen Initiativen addiert und zu den bei unserer Befragung im März 2020 prognostizierten Verlusten in Beziehung setzt, zeigt sich, dass weiterhin etwa 2,5 Millionen Euro an Verlusten verbleiben.

III. Ergebnisse zur Förderung des Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Bei der Umfrage haben wir nach Einschätzungen und Wünschen bei der Förderung im Bereich Darstellende Künste des Hessischen Ministeriums gefragt. Viele Kolleg*innen wünschen sich ein transparenteres Verfahren und schnellere Bewilligung, zudem wissen die meisten Kulturschaffenden nicht, wer im Beirat zur Entscheidung über die Förderung ist. Die überwiegende Mehrheit votiert für mehrjährige Fördermodelle und die Weiterführung des Modells der Arbeitsstipendien auch nach der Pandemie, sowie eine Umstellung auf Online-Antragsstellung. Die meisten Kolleg*innen loben, wie flexibel im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst auf die Corona-Situation regiert wurde.

IV. Zusammenfassung

Die von laPROF erhobenen Zahlen machen deutlich, dass die Hilfsprogramme von Bund und Ländern nicht annähernd die Einnahmeausfälle im Kontext der Corona- Pandemie kompensieren können. Auch wenn die erlassenen Lockdowns und Tätigkeitsverbote richtig und sinnvoll waren, bedeuten sie für unsere Szene eine existenzielle Gefährdung. Wie viele Kolleg*innen, Ensembles und Spielstätten bald von Insolvenzen und Schließungen betroffen sein werden, ist noch nicht vorauszusehen. Die hier anfallenden Verluste sind, im Verhältnis zum Landeshaushalt und den für Rettungsschirme ausgegebenen Milliarden, Kleinbeträge. Es wäre deshalb dringend geboten, über Unterstützungsleistung durch Kompensation von Verlusten für die Kulturszene nachzudenken.

Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass aufgrund der gegenwärtigen Einschränkungen kaum ein gewinnbringendes Arbeiten im kulturellen Bereich möglich ist. Die nun gestarteten Maßnahmen des hessischen Kulturpakets sind sinnvoll und notwendig und können eine Wiedereröffnung von Theatern und die Erarbeitung neuer künstlerischer Formate ermöglichen. Aber sie werden nicht dafür sorgen, dass die erlittenen Verluste vom Frühjahr wieder einspielbar sind, sie werden bestenfalls ermöglichen, dass diese Verluste nicht noch größer werden.

Wir hoffen, dass im nächsten Jahr nicht über Kürzungen im Kulturbereich diskutiert wird, sondern im Gegenteil eine weitere Erhöhung der Kulturförderung für die Freischaffenden Künstler erfolgen wird. Denn – und das möchten wir zum Abschluss gerne positiv bemerken – gerade die üblichen, vorhandenen öffentlichen Kulturförderinstrumente waren in dieser Krise für uns sehr wichtig und hilfreich, da sie uns nach einer Bewilligung erhalten blieben und eine Grundsicherung darstellten.

Bild von Engin_Akyurt auf Pixabay

Autor

Jan Deck ist Politikwissenschaftler, lebt in Frankfurt/Main und arbeitet als freier Dramaturg, Regisseur und Kurator. Seit über zehn Jahren arbeitet er für den hessischen Landesverband laPROF, seine Schwerpunkte sind Lobbyarbeit, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Veranstaltungen. Er ist Mitglied verschiedener Juries und Beiräte, kuratiert Tagungen, Festivals und Labore. Als Herausgeber und Autor beschäftigt er sich mit verschiedenen Aspekten von Kunst und Gesellschaft.